Betruf

Die Bergflanken glühen im letzten Sonnenlicht. Kuhglocken und Tierstimmen verstummen. Nach dem harten Tagwerk stellt sich der Senn auf eine Erhebung seiner Alp, führt den geschnitzten Holztrichter zum Mund und ruft den Alpsegen – ein anrührender Moment der Andacht und Demut.

Auf mehreren Innerrhoder Alpen wird während der Sömmerungszeit allabendlich der Alpsegen gerufen. Wer ihn hört, wird an Klänge aus dem Mittelalter erinnert. Archaisch ist auch der Text – halb im Dialekt, halb im «altmöödege» Schriftdeutsch vorgetragen. Tief religiöses, uraltes katholisches Brauchtum kommt hier zum Ausdruck

Älteste Quellen erwähnen eine Art Sennengebet bereits im 15. Jahrhundert für die Weiden im Alpsteingebiet, damals auch als «Ave-Singen» oder «Ave-Maria-Rufen» bezeichnet. In der Zwischenzeit geriet der Brauch in Vergessenheit.

Der heute gebräuchliche Innerrhoder Betruf ist nicht sehr alt: Anlässlich des Appenzeller Landifestspiels 1939 gelangte ein «Innerrhoder» Alpsegen auf die Bühne. Melodie und Text waren aus anderen Regionen entlehnt, was für manche Innerrhoder beschämend war. So liess man von den Kapuzinerpatres Erich Eberle und Ekkehard Högger im Jahr 1946 einen eigenen Betruf schreiben. Nach Textanpassungen wird seit 1948 diese Version gerufen.
 

Ort

Auf mehreren Alpen

Die litaneiartig geführte Melodie kommt mit fünf Tönen aus und erinnert an Gregorianik; die halb gesprochene, halb gesungene Form verleiht dem Alpsegen seinen volkstümlichen Charakter.

Manchen Herrgottswinkel der Alphütten ziert ein Pergament, auf dem der Betruf in schöner Schrift festgehalten ist.

Erforscher des Betrufs sind der Ansicht, dieser werde stellvertretend für das im Tal übliche Betläuten («Betlüüte») angestimmt. Wie dieses soll auch der über die Alp gerufene Segen Schutz und Schirm für die Nacht gewähren. Er soll im bannenden Kreis alles, was dem Schutz anbefohlen wird, vor zeitlichem und ewigem Feuer, vor Hagel, Blitz, Steinschlag und Seuchen, vor Hunger und Krieg bewahren.

Bis vor kurzem war der Betruf auf Innerrhoder Alpen Männersache. Unterdessen pflegen auch Frauen diesen schönen Brauch.

 

Zeit

Während der Alpzeit, am Abend